Über das Symposium

Lassen sich Gedanken tanzen? Was hat Freiheit mit Rhythmus zu tun? Wann sind Gesten subversiv? Ist Denken parasitisch?

Das Symposium KÖRPER_DENKEN! lädt alle Interessierten zur Begegnung von Philosophie und Performance ein: Neugierige, Zweifelnde, Rastlose, Akademiker/innen, Kunstinteressierte, politisch Denkende und all diejenigen, die keine Lust haben, sich kategorisieren zu lassen.
Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen die Themen Körperpolitik und Nonhuman Thinking. Das Symposium spürt der Frage nach, was es heißt, an den „Fransen des Bewusstseins“ (William James) zu denken, was es heißen könnte, „Tier zu werden“ (Deleuze/Guattari).
KÖRPER_DENKEN! erprobt Philosophie in unkonventionellen Formaten und an der Schnittstelle zur Performance-Kunst und lädt dazu ein,  neue Erfahrungsräume zu erkunden und binäre Denkgewohnheiten zu überdenken, wie: Körper/Geist, Natur/Kultur, schwarz/weiß, ja/nein, Mann/Frau, etc.; Ausschlussmechanismen aufzudecken und durch lustvolle „Ent-Identifizierungen“ (Rancière) zu ersetzen!

Projektträger: Expedition Philosophie e.V. in Kooperation mit dem Ampere Theater München, Gefördert vom Münchener Kulturreferat

 

Schwerpunkte und Inhalte des Programms:

Inhaltlich setzt KÖRPER_DENKEN! zwei Schwerpunkte: Körperpolitiken und Non-Human Thinking. Dabei ist Sprache eine zentrale Schnittstelle, an der sich das abstrakte Verstehen und der konkrete Körper treffen. Mit Versprachlichungen des Körperlichen und Verkörperungen des Sprachlichen lassen sich die Grenzen des Verständlichen, und damit die Grenzen des Selbstverständlichen erkunden.

Diese Erkundungen werden dann politisch, wenn sie mit den Grenzen des Selbstverständlichen zugleich den jeweils gegebenen Anerkennungsrahmen problematisieren und überschreiten. Da Sprache einen Teil des jeweiligen Anerkennungsrahmens bildet, müssen Überschreitungen dieses Rahmens sich ebenso auf poetischen, aber auch auf nicht-sprachlichen, nämlich beispielsweise stimmlichen, bildlichen, zeichnerischen, klanglichen und gestischen Ebenen zeigen. Die Grenzen des (Selbst-)Verständlichen werden dabei zunächst körperlich spürbar. Diese körperlichen Zweifel können wichtige Veränderungsimpulse bieten, und zwar nicht nur im Singular, sondern auch im Plural, nicht nur individuell, sondern auch gemeinschaftlich, nicht nur privat, sondern auch öffentlich. Dies ist das Forschungsareal von Körperpolitiken.

Die Überschreitung des sprachlichen Rahmens kennzeichnet auch das Forschungsgebiet des Non-Human Thinking. Am Körper werden nicht nur unmittelbar gesellschaftliche Grenzen und Zwänge spürbar und damit mittelbar verhandelbar. Der Körper ist zugleich Teil des Lebendigen. Durch unsere körperlichen Erfahrungen sind wir mit anderen Lebewesen verbunden, sie sind die Schnittstelle zwischen Human und Non-Human. Wir merken, mit Kant gesprochen, dass wir in die Welt „passen.“ Der Körper ist erstes einheitsstiftendes Prinzip, noch vor aller Rationalität, die ihm immer verbunden bleibt. Der Körper durchläuft bei seiner Entstehung die gesamte Evolution, er ist Gefäß und durchlässig für Energien, die auch den Kosmos lenken. Was hieße es, dem Aufruf von Deleuze/Guattari folgend, Tier zu werden?

Am Freitag Nachmittag werden in dem öffentlichen Expertenworkshop von Performance-Philosophy Expert/inn/en – namentlich von Falk Bornmüller, Katrin Felgenhauer, Veronika Reichl, Rainer Totzke und weiteren Experten, die noch nicht abschließend feststehen – Impulsvorträge zum übergeordneten Thema Körper-Denken präsentiert. Von Aurelia Baumgartner wird anstelle eines Impulsvortrages eine Installation zu sehen sein.

Wie können wir dem ganz Anderen begegnen, es in seiner Kraft anerkennen und wahrnehmen? Ermöglichen Tanz und Improvisation eine nicht subjektorientierte Begegnung mit dem ‚Non-Human,‘ dem ‚Anderen‘? Non-Human Thinking problematisiert das abendländische Primat des Homo sapiens und stellt seine anthropozentrische Ausrichtung in Frage. Im Rahmen dieses Schwerpunkts wird am Freitag Abend Aurelia Baumgartner ihre Performance ‚Dancing Horses-Different Others‘ präsentieren.

Am Samstag Vormittag werden Martin Dornberg und Daniel Fetzner im Rahmen dieses Schwerpunkts einen Workshop über ihr Parasitenprojekt abhalten.

Einen weiteren Workshop wird – im Rahmen des Schwerpunkts Körperpolitiken –Ole Frahm von LIGNA durchführen: Darin wird das Verhältnis von Körpern und öffentlichem Raum anhand von „Noten zur Geste“ von Agamben erfahrbar und diskutierbar gemacht. Noten zur Geste

„Noten zur Geste“ heisst ein einflußreicher Text von Giorgio Agamben, in dem er über die Bedeutung des Tanzes im 20. Jahrhundert nachdenkt – und darüber, dass das Bürgertum „seine Gesten verloren“ und wieder angeeignet hat. Die Performance „Noten zur Geste“ prüft diese Thesen am eigenen Körper – und fragt danach, mit welcher Geste die Verhältnisse (und damit die Körperpolitiken) selbst zum Tanzen gebracht werden könnten.

Ebenfalls im Rahmen des Schwerpunkts Körperpolitiken bewegt sich die Performance Synkopische Freiheit – Rhythmen postkolonialen Denkens von Ariel Flórez und Heidi Salaverría, welche nach der Mittagspause stattfindet. Sie problematisiert die binären Strukturen westlich-europäischen Denkens in einem Dialog mit nichtbinären afroamerikanischen Rhythmen und ihrer historisch-politischen Genese in Sklaverei und Kolonialismus. Mit Percussion, Piano und Sprache zeigt die Performance überraschende Zusammenhänge zwischen Zeitgefühl und Politik auf. Ein synkopisches Erlebnis, das Sie nicht verpassen sollten!

Danach findet eine experimentelle Podiumsdiskussion statt. Dabei wird nicht nur das WAS, sondern auch das WIE des Kommunizierens thematisiert und spielerisch auf die Probe gestellt: Gibt es eine Melodie des Meinens? Kann man erfinderisch zuhören? Antiterritorial diskutieren? Denn wenn man den Modus des Sprechens nicht berücksichtigt, laufen auch philosophische Debatten Gefahr, in Diskussionsmuster zu verfallen, die Herrschaftsstrukturen reproduzieren, statt sie in Frage zu stellen. Will man überdies nicht eine erneute Dichotomie heraufbeschwören, in diesem Fall eine zwischen Performances einerseits und Expertengesprächen über Performances andererseits, muss der Diskurs selbst performativ werden und an den „Fransen des Bewusstseins“ (William James) operieren, dort, wo das scheinbar Selbstverständliche in das noch Unverstandene ausfranst.

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